Herenda Rudolf Mentges

Die Bäume von Mirsad Herenda von Rudolf Mentges

Wer einmal Mirsad Herenda beim Schweißen seiner Bäume zugesehen hat, wie er tief in Trance diese Gebilde aus Eisen unter seinen Händen entstehen lässt, wird ergriffen von der magischen Verbindung, die zwischen ihm und seinem wachsenden Gebilde spürbar wird.
Mirsad Herenda scheint seinem Baum Leben einzuhauchen. Es entsteht vom Stamm zu den Ästen und bis hin zu den Zweigen eine hoch aufstrebende Form, die seinen Schöpfer an Größe bald übertrifft, und diese Form wird ihrem Bruder in der Natur täuschend ähnlich.

Betrachtet man die fertige Baumplastik, so erscheint sie wie im Winterschlaf gefangen und der Betrachter möchte seine Hand auf die Rinde legen, möchte sanft tastend ihre Natur ergründen, und man spürt bei der Berührung ein leises Erschrecken, denn dieser Baum ist aus Eisen.
Stehen Mirsad Herendas Bäume draußen vor Gebäuden, haben sie mit einer gewollten Rostschicht die Farbe von Holz angenommen. Im Frühling sucht man dann an ihnen nach Knospen; man sehnt sich nach dem ersten Grün, doch erst bei der Berührung löst sich die Illusion mit einem Erschauern.

Diese Bäume sind anderer Natur als draußen im Wald. Sie erzählen viele Geschichten. Geschichten, die sein Schöpfer erlebt und durchlitten hat. Geschichten von Hunger, Krieg und Zerstörung, vom Leid zerrissener Liebe und Freundschaften, vom Verlust von Beziehungen, deren Bänder zwischen Kulturen und Völkern geknüpft waren.
Volksgruppen in Bosnien, die sich lange als Brüder und Schwestern angesehen haben, und friedlich an den jeweiligen Festen teilnahmen, wurden durch für sie selbst unverständliche Geschehnisse plötzlich zu Feinden, die sich im Krieg an vielen Fronten gegenüberstanden. Diese Erfahrung war für Mirsad Herenda besonders schmerzlich und kaum fassbar.

Deshalb stehen seine kleineren Baumkunstwerke da wie Mahnmale nach dem Feuersturm, wie zerbrochene Knochen auf einem Schlachtfeld! Sie stehen auf hohen durch die schweißenden Flammen verfärbten Blechpodesten, die wirken wie Querschnitte durch tiefe Erdschichten. So erinnert deren Tiefe an die langen, dunklen Abschnitte in der Menschheitsgeschichte, in der sich die Knochen von ungezählten Menschheitsgenerationen ablagerten, die in Kampf und Krieg gestorben sind. Sie mahnen noch eindringlicher in schreiender Stille - stellvertretend für alle die Menschen und Wesen in der Welt, die besonders in unserer Gegenwart von kriegerischem Geschehen betroffen sind und fern der Heimat Hilfe suchen.

An den Bäumen des Künstlers gibt es keine Blätter. Sie sind erstarrt wie Versteinerungen, wie eiserne Zeugen von unfassbarem Geschehen, Mahnmale für die Lebenden, wie Geister, die keine Ruhe finden, weil das Unrecht, das ihnen geschehen ist, nicht gesehen und nicht gesühnt wird. Sie schreien nach Aufmerksamkeit für all´ die Bäume, die täglich - durch die Werkzeuge von Menschen gefällt – zu Boden stürzen. Wissen wir nicht, wie nötig wir sie brauchen? Sie versorgen uns mit der Luft zum Atmen, sie schützen unsere Atmosphäre vor zu starker Erwärmung. Sie behüten den Boden vor Erosion und geben unzähligen Arten Lebensraum, die für unser Überleben wichtig sind.

Die Bäume von Mirsad Herenda stehen auch für die Gefahr von Entwurzelung und Bedrohung von Tradition und Vergangenheitsverständnis im menschlichen Erleben. Bäume sind „standhaft“ und wurzeln „unbeirrbar“ in einem festen Untergrund. Sie „wollen“ nicht ausweichen und können es auch nicht. Sie sind darauf angewiesen, dass die Gefahr an ihnen vorbei geht, aber sind auch aller Zerstörung und allen Bedrohungen ausgeliefert.

Schaut man aber genau hin, so scheint es, als würden seine eisernen Bäume aus dem Boden streben, als kämen die Wurzeln schon ein Stück heraus, als wollten sie doch ihren Standort verlassen, als sei er selbst ihnen zu unsicher. Nichts scheint in unserer Zeit mehr gewiss, nicht einmal, dass die Bäume an ihren Standorten stehen bleiben. Es scheint, als wollten sie das Laufen lernen, um in einer anderen, surrealistischen Welt eine neue Bleibe zu finden.

Mirsad Herenda möchte, dass wir über seine Bäume meditieren, in einem ruhigen Moment nachsinnen über die Zusammenhänge in der Natur, von der wir Menschen nur ein Teil sind. Schon immer war der Baum ein Symbol für das Leben. Schon im Paradies stand nicht weit vom Baume der Erkenntnis der Baum des Lebens. Die Symbolik des Baumes begleitet uns in unserer Menschheitsentwicklung.

Wir sprechen vom Stammbaum, wenn wir die Reihe unserer Ahnen anführen und ihrer gedenken. Wir sprechen vom Stamme Abrahams, dem alle drei auf dem Alten Testament gründenden Religionen entspringen, die sich heute teilweise feindlich gegenüber stehen, Auch die Evolution und die Entwicklung der Arten werden oft als Baum dargestellt.

Aber warum wählt er für seine Bäume Eisen als Material?
Unsere Erde besteht in ihrem Kern aus Eisen, dem Element, aus dem viele Waffen bestehen. Dieser Eisenkern erzeugt andererseits das Magnetfeld der Erde, das uns vor dem Sonnenwind beschützt und so das Leben auf der Erde - in der uns bekannten Form - erst möglich macht. Jedes Material kann uns zum Wohl oder zu unserem Leid dienen. Wir habe die Wahl, uns für das Eine oder das Andere zu entscheiden.

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